Neuroplastizität im Alltag: Wie Veränderung und loslassen entsteht

Ausmisten braucht Überwindung – mal mehr, mal weniger.
Das gilt für die Wohnung, für digitale Inhalte auf dem Computer – und auch für unser Gehirn.

Neurologisch betrachtet sind Erinnerungen – im Gegensatz zu Dateien auf einer Festplatte – nicht an einem einzigen Ort gespeichert. Sie entstehen in einem Zusammenspiel verschiedener Hirnareale: dem Hippocampus (Gedächtnis), der Amygdala (emotionale Bewertung) und dem präfrontalen Cortex (Einordnung, Gesamtbewertung und Regulation).

„What fires, wires.“
Was häufig aktiviert wird, vernetzt sich stärker.

Wenn wir eine Erinnerung „loslassen“ möchten, wird dieses Netzwerk erneut aktiviert. Die Erinnerung wird kurzfristig formbar. Mit einer veränderten Bewertung, einem neuen Blickwinkel oder einer anderen emotionalen Einordnung wird sie wieder abgespeichert. Dieser Prozess wird als Rekonsolidierung bezeichnet.

Ein vollständiges Löschen – wie bei einer Festplatte – ist im gesunden Gehirn nicht möglich. Eine Amnesie ist kein natürlicher Vorgang. Mentales Ausmisten bedeutet daher eher ein Umsortieren, Abschwächen und Neu-Bewerten – oft mit körperlich spürbaren Veränderungen, z.B. Entspannung, Beruhigung.
Wird eine Erinnerung weniger angstbesetzt oder dramatisch bewertet, reduziert sich die Aktivität der Amygdala. Der Cortisolspiegel sinkt, das Stressniveau nimmt ab, Erleichterung kann spürbar werden. Gleichzeitig kann eine veränderte Perspektive das Belohnungssystem aktivieren – Dopamin wird ausgeschüttet, Anspannung reduziert sich.

Das ist Neuroplastizität: die Fähigkeit unseres Nervensystems, sich anzupassen und neu zu strukturieren – eine Art kognitiver Frühjahrsputz.

Auf der anderen Seite bleibt vieles neuronal und dadurch im Leben stabil, wenn kein innerer Veränderungsimpuls vorhanden ist. Entscheidend sind die Fragen:
Was ist gesund, hilfreich und unterstützend in meinem Leben?
Und was schadet dir, bremst oder bindet unnötig Energie?

Perspektivwechsel

Anfang des Jahres habe ich selbst deutlich gespürt, wie mein Umgang mit dem Mobiltelefon mein Verhalten beeinflusst. Die Dopaminausschüttung bei Nachrichten und Benachrichtigungen war so verlockend, dass sich mein Verhalten schleichend und weitgehend unbewusst veränderte.

Mit der Zeit entstand eine neuronale „Verhaltensautobahn“ – die inneren Kontrollinstanzen traten immer mehr in den Hintergrund. Das Ergebnis dieser ungünstigen Neuroplastizität: In nahezu allen Lebensbereichen erschien es selbstverständlich und praktisch, zum Smartphone zu greifen.

Heute bedeutet das für mich bewusst gegenzusteuern:

Handy in die Schublade – Fokus auf das Reale. Stift in die Hand. Auch dieser Text und die zugrunde liegenden Gedanken sind zunächst auf Papier entstanden. Und wenn ich das Bedürfnis nach einem schnellen „guten Gefühl“ spüre – wie bei einer Notification – dann atme ich fünfmal bewusst tief ein und aus.

Durch die Atmung wird das parasympathische Nervensystem aktiviert, Entspannung setzt ein, die Amygdala schaltet einen Gang zurück.

Drei Fragen an Dich und für Dich:

1. Frage: Welche Aktivität in deinem Leben braucht mehr Ruhe, Gelassenheit und Klarheit?

  • 2. Frage: Wo kannst du in deinen geistigen Aktivitäten mehr bewusstes Durchatmen und tiefes Ausatmen einbauen?
  • 3. Frage: In welchem Lebensbereich gibt es ein Verhalten, das durch Neuroplastizität – also durch Erleben, Neubewertung und neues Abspeichern – verändert werden sollte?